Wilhelmshöher Allee

Die Wilhelmshöher Allee führt von der Innenstadt aus schnurgerade über fast fünf Kilometer zum Schloss am Fuße des Bergparks.

Für Besucher des Parks scheint sie Kassel in zwei Hälften zu teilen. Ein harter Schnitt, der bei Sonnenuntergang als glühendes Band bis zum Herzen der Stadt führt. Ende des 18. Jahrhunderts hatte Landgraf Friedrich II. dort auf dem Schlossberg gestanden und sein Hessen-Kassel geplant, gemeinsam mit Sohn Wilhelm, dem späteren Kurfürst Wilhelm I.

Schloss Wilhelmshöhe war noch nicht gebaut. Noch stand dort ein altes Kloster, das gelegentlich als Jagdschoss genutzt wurde. Doch nun sollte ein imposantes neues Gebäude entstehen, auf einer Achse zum Herkulesmonument. In Richtung Innenstadt verlängerte man die Achse, durch eine eindrucksvolle Allee aus Linden- und Eschenbäumen.

Die Straße diente dem Grafen als komfortable Verbindung zwischen dem Stadtschloss und Schloss Wilhelmshöhe. Zu dieser Zeit war sie eine reine Landstraße. Im Süden lag das Dorf Wehlheiden. Dort wohnen einfache Bauern, die ihre Felder nördlich der Allee bewirtschafteten. Wehlheiden erstreckte sich damals noch bis hin zum Tannenwäldchen. Doch entlang der Prachtstraße breiteten sich neue Wohngebiete aus. Handwerker, Händler und Fabrikanten siedelten sich an. Im Jahr 1877 wurde die erste Straßenbahn eingeweiht. Wenige Jahre zuvor hatte der Textilfabrikant Sidmund Aschrott damit begonnen, das ganze Land nördlich der Allee aufzukaufen. Auf dem freien Gelände legte er neue Straßenzüge an. So plante und baute er den heutigen Stadtteil Vorderer Westen. Die Allee stellt seitdem die Grenze zwischen den beiden Stadtteilen dar.

War der vordere Westen vor allem eine Gegend für reiche Kaufleute, so blieb Wehlheiden auch nach der Eingemeindung im Jahr 1899 seinen ursprünglichen Traditionen treu. Entlang der Allee führten die vielen Gasthäuser dazu, dass so mancher Sonntagsspaziergang zum Bergpark ein vorzeitiges Ende fand.

Im Jahr 1927 präsentierte Landesoberbaurat Kurt Becker der Öffentlichkeit ein Konzept, dass Wut und Kopfschütteln erntete. Die geplante Autobahn Homberg-Kassel-Göttingen sollte über die Prinzenquelle führen und in Höhe Baunsbergstraße die Wilhelmshöher Allee mit einer großen Brücke überqueren. Schließlich sei der Autobahnverkehr absolut geräuschlos. Im Gegenteil: Er erwartete einen Aufschwung des Tourismus.

Die geplante Autobahn sollte über die Prinzenquelle führen und die Wilhelmshöher Allee mit einer großen Brücke überqueren.

Glücklicherweise fand man eine Alternative und leitete die Autobahn über Bettenhaus um. So sparte man sich nicht nur den Umweg über den Reinhardswald, sondern bezog Hann. Münden in den Streckenverlauf mit ein und ließ die schöne Allee unangetastet.

Doch wenige Jahre später zerstörte der zweite Weltkrieg ganze Straßenabschnitte. Ein Angriffsziel inmitten des Wohngebiets war das NS-Generalkommando. Das Gebäude blieb jedoch weitgehend erhalten. Heute hat Bundessozialgericht darin seinen Sitz.

Heute ist die Wilhelmshöher Allee noch immer eindrucksvoll und voller Leben. Durch den Bau des Bahnhof Wilhelmshöhe wurde ihre Bedeutung noch einmal gestärkt. Entlang der Reihen aus Eschen- und Linden haben Einkaufszentren und Ärzte, Cafes, Restaurants, Boutiquen und Behörden ihren Platz gefunden.

Und wer vom Schloss auf sie herunterblickt, kann vielleicht erahnen wie Landgraf Friedrich und der junge Wilhelm sich gefühlt haben mögen.