Wehlheiden verleibt Kassel ein

Es hat sich endlich erfüllt, was schon seit Jahren mit allen Kräften angestrebt worden ist: Wehlheiden hat Cassel einverleibt und ist nunmehr mit über 100000 Einwohnern in die Reihe der Großstädte eingetreten. Die Einverleibung Cassels seitens der Wehlheider ist übrigens nicht als kleiner Scherz aufzufassen, sondern ganz ernstlich gemeint; das zeigt der in der Gewerbehalle ausgestellte Entwurf für die Bebauung des Kaiserplatzes (heute: Goetheplatz). Dieser Platz soll von vornehmen Prunkgebäuden, eleganten Läden, Vergnügungs- und Gesellschaftslokalen umschlossen werden, seine Trottoirs sollen doppelt so breit sein wie die in Cassel vorhandenen und breiter als in jeder anderen deutschen Stadt.” So schrieb in seiner Ausgabe vom Ostersonntag, dem 2. April 1899, das „Casseler Tageblatt”.

Kühle Ostertage vor 100 Jahren

Lange hat es gedauert, bis der „Vertrag betreffend die Vereinigung der Landgemeinde Wehlheiden mit der Residenzstadt Cassel zu einer Stadtgemeinde” zustande gekommen war. Hauptverdienst hatte der Casseler Oberbürgermeister Albert Westerburg (seit 1893 Stadtoberhaupt). Vor 100 Jahren, am 1. April 1899, wurde der Vertrag nun wirksam. Einen Tag vorher, am Karfreitag, dem 31. März, übergab in Wehlheiden Bürgermeister Ludwig Wittrock Gemeindekasse und Vermögensunterlagen den von Cassel entsandten Vertretern. An diesen Ostertagen herrschte in Nordhessen kühles, unfreundliches Wetter, gelegentlich regnete es. Es ist kaum vorstellbar, daß dieser Übergabeakt unter freiem Himmel stattgefunden hat, wie er vom Kunstmaler Walter Merckel in einem lustigen, karikaturhaften Ölbild dargestellt worden ist. Eine Stammtischrunde im Gasthaus Demmler „Schokoladenfabrik”, Wilhelmshöher Allee 83, hatte es in Auftrag gegeben. Leider ist es verschollen.

Kohlenstraße im Flaggenschmuck

Schauplatz des Merckel-Bildes ist die Stelle vor dem alten Wehlheider Bürgermeisteramt Schönfelder Straße/Ecke Domänenweg (Gegend des heutigen Wehlheider Kreuzes). Man blickt in die girlanden- und fahnengeschmückte Kohlenstraße. Rechts erhebt sich das Gemeindehaus, die spätere katholische Volksschule, auch „Kaffeemühle” genannt. Bürgermeister Wittrock übergibt dem Casseler Stadtrechtsrat Karl Brunner, dem späteren Bürgermeister, einen Schlüssel und eine lange eingerollte Urkunde, die bewußt an eine Wagenrunge erinnert. Oberbürgermeister Westerburg konnte nicht teilnehmen; er war damals schon schwer erkrankt und starb 1903. Alle Herren waren in dunklen Bratenröcken erschienen. Unter den rechts aufgebauten Wehlheidern sah man unter anderen Gemeinderatsmitglied Heinrich Ochs, den Zimmereibesitzer Heinrich Kretschmer, den Direktor der Aktienbrauerei Carl Wagner, Polizeikommisär Wilhelm Hoffmann, Bildhauer Emanuel Ziehe, Landwirt Wilhelm Stock, Maurermeister Wilhelm Rennert, Kaufmann Wilhelm Härtung, den Chefarzt vom Roten Kreuz Dr. Ludwig Weber und Landwirt Christoph Kersten. Einige von ihnen waren Gemeindevertreter.

Stadtparlament nun mit den Wehlheidern

Am 6. April fand im Saal des Lesemuseums (heute steht dort die Landeszentralbank, Ständeplatz 12) die erste Casseler Stadtverordnetenversammlung mit den sechs Wehlheider Abgeordneten statt, die laut Vertrag dort neu einzogen. Es waren Generalmajor z. D. Moritz von Lettow-Vorbeck, Architekt Oscar Gebhardt, Schlossermeister Wilhelm Müller, Landwirt Carl Spohr, Eisenbahnsekretär Lorenz Wieber und Landeskreditkassen-Buchhalter Gottlieb Beckmann. Stadtverordnetenvorsteher Kommerzienrat Carl Pfeiffer begrüßte sie und verpflichtete sie durch Handschlag. Er wies darauf hin, daß Wehlheiden zwar 372 Hektar an Fläche und 8 441 Einwohner in Cassel eingebracht habe, daß sich die Stadt aber auch verpflichtet habe, Straßen, Wasserleitungsnetz und Kanalisation auszubauen und eine Menge Zusatzdienste zu übernehmen. Auf einige Jahre hatte künftig auch ein Wehlheider Sitz als unbesoldeter Stadtrat im Casseler Magistrat. Zunächst war es bis zu seinem Tod Heinrich Ochs. 1908 folgte ihm Heinrich Dippel.

Habichtswald ganz nahe gerückt

Das „Casseler Tageblatt” meinte damals, daß es Wehlheiden nun gelungen sei, Cassel zu sich herüber zu ziehen, und es schrieb: „Die Casselaner können jetzt mit Stolz sagen, daß Cassel bis in den Habichtswald reicht; denn, wie behauptet wird, gehört durch den Zusammenschluß mit Wehlheiden auch die alte und die neue Drusel zum Residenzstadtgebiet.” Durch Wehlheiden waren die Casselaner ja schon seit Jahr und Tag über die Wilhelmshöher Allee zur Erholung in den Habichtswald gewandert. Die Landgrafen, Kurfürsten, der König Jeröme und Kaiser Wilhelm II. ratterten durch Wehlheiden, wenn sie in ihren Kaleschen von den Stadtschlössern zur Sommerresidenz nach Wilhelmshöhe strebten. Sicher haben die Wehlheider nicht am Straßenrand gestanden und den Fürsten zugejubelt. Aber das Dorf an der tiefsten Stelle der Wilhelmshöher Allee scheint den einen oder anderen Potentaten doch beeindruckt zu haben. Als der letzte Kurfürst Friedrich Wilhelm im Prager Exil über die „Goldene Stadt” blickte, soll er gesagt haben: „Wehlheiden mir lieber!”

„Vertrag betreffend die Vereinigur der Landgemeinde Wehlheiden und der Residenzstadt Cassel zu einer Stadtgemeinde”

Zum 1. April 1899 erfolgte die Vereinigung der Landgemeinde Welheiden mit der Residenzstadt Cassel zu einer Stadtgemeinde. Der Begriff „Eingemeindung” taucht dort nicht auf und das Erstaunliche ist, daß heute mehr von Eingemeindung die Rede als in den Zeitungen vor 100 Jahren. Betrachten wir die Vereinigung vielleicht zu sehr mit unserer heutigen Brille? Was waren die Verhältnisse damals im Umfeld der Eingemeindung?
Die Stadt Kassel war mit der Industriealisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Weg zur Großstadt. Im Jahr 1900 überschritt man nach der Vereinigung mit Wehlheide die 100000-Einwohnergrenze. Die Stadt benötigte Entwicklungsraum. Der Wohnungsmangel war das dringendste kommunalpolitische Problem der Entwicklung, die Armutsfrage das dringendste sozialpolitische Problem. Die Landgemeinde Wehlheiden hatte sich in der Nachbarschaft der Stadt mit rund 12 000 Einwohnern zur größte Gemeinde des Landkreises entwickt. Die Industriearbeiter waren die größte Bevölkerungsgruppe. Sie arbeiteten größtenteils in der Stadt. Es gab nur noch 13 Bauernhöfe in der Landgemeinde. Die Gemeinde traf Vorbereitungen, sich selbst zu „verstädtern”. Mit der Planung der Kanalisierung, der Erschließung von Wohngebieten nördlich der Wilhelmshöher Allee in Zusammenarbeit mit dem größten Grundbesitzer, dem Fabrikanten Aschrott, nahm auch der ehemalige Wehlheider Dorfkern mehr und mehr städtische Züge an. Die Bildung größerer Städte lag im Trend der Zeit und mußte für die Dörfer der Umgebung nicht unbedingt von Nachteil sein. Meist boten die Städte eine bessere Armenversorgubg obwohl weniger Abgaben zu zahlen waren.

Was waren die Hauptvereinbarungen des Vereinigungsvertrages?

1. Die Landgemeinde Wehlheiden schied aus dem Landkreis Kassel aus: damit wurden die Gemeindeangehörigen von Kassel und Wehlheiden in Beziehung auf sämtliche bürgerlichen Rechte und Pflichten einander gleichgestellt insbesondere im Zugang zu Armenanstalten und Stiftungen sowie zu dem Gemeinwohl dienenden Einrichtungen wie den Krankenversicherungen der Stadt (mit besseren Leistungen) sowie der Gewerbegerichtsbarkeit (mit größeren Rechten für die Arbeiter).

2. Die in Wehlheiden bestehenden indirekten Abgaben, vor allem Brau-und Biersteuer, Verbrauchsabgabe auf Branntwein und Spirituosen, Lustbarkeitssteuer, wurden durch zum Teil für die Bürger günstigere Bestimmungen der Stadt abgelöst. Wehlheiden hatte schließlich viele Jahrzehnte seine Lage als eine Art Querriegel zwischen Stadt und Sommerresidenz genutzt, seine Gemeindefinanzen zu verbessern.

3. Alles Vermögen der Gemeinde Wehlheiden wurde mit dem Vermögen der Stadt vereinigt. Kassel trat in alle Vermögensrechte und Verbindlichkeiten als Rechtsnachfolgerin ein. Sie übernahm Kirchenbau und Unterhaltslast im gleichen Umfang wie die bisherige Gemeinde Wehlheiden.

4. Kassel verpflichtete sich, das Kanalnetz in Wehlheiden nach dem ausgearbeiteten Kanalisationsplan auf städtische Kosten auszubauen und in die Verträge mit dem Fabrikanten Aschrott einzutreten.

5. Kassel verpflichtete sich, innerhalb von fünf Jahren ein drittes Volksschulgebäude in Wehlheiden zu errichten, und für zehn Jahre einen nicht unerheblichen Betrag zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse südlich der Wilhelmshöher Allee in den städtischen Haushalt einzustellen.

6. Von besonderer Bedeutung für das künftige eigenständige Wehlheider politische Bewußtsein im Vereins- und Parteileben war sicherlich das Privileg, daß Wehlheiden für 12 Jahre das Recht eines eigenen Wahlbezirks bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung zugestanden wurde. Die Stadtverordneten mußten aus den Bewohnern des ehemaligen Gemeindebezirks gewählt werden. Wehlheiden erhielt für die gleiche Zeit einen unbesoldeten Stadtrat zugestanden. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich die Stadt Kassel die Erweiterung des Stadtgebiets einiges kosten ließ. Daher erscheint es nicht verwunderlich, daß das Gemälde der Eingemeindung durchaus festlichen Charakter vermittelt. H. P

Großes Abschiedsfest in Wehlheiden

Wie die „echten Wehlheider” mit „freudiger Begeisterung” am 25. März 1899 die „Eingemeindung Wehlheidens” feierten, ist durch diesen ausführlichen Bericht in der „Hessischen Dorfzeitung”, deren Geschäftsstelle sich vor 100 Jahren in der Wilhelmshöher Allee 95 befand, überliefert worden:

„Wehlheiden, 27. März: Aus Anlaß der nun gesetzlich vollzogenen Eingemeindung Wehlheidens in die Residenzstadt Cassel fand am vergangenen Sonnabend ein Commers im Saale des Restaurants .Wilhelmshalle’ statt. Die Anregung zu der Veranstaltung erging von Seiten des hiesigen Bürgervereins, und außer dessen Mitgliedern waren auf ergangene Einladung hin verschiedene hiesige Vereine fast vollzählig erschienen, so der ‘Männergesang-Verein’, der ‘Arbeiter-Fortbildungs-Verein’, die ‘Turngemeinde’ und der Verein ‘Frohsinn’, und ferner zahlreiche hiesige Herren als Gäste zugegen, so daß gegen 9 Uhr Abends der Saal bis auf den letzten Platz besetzt war. Von Beginn der Veranstaltung an beseelte offenbar eine angeregte Stimmung die Anwesenden, so daß leicht zu bemerken war, ein ganz besonders bedeutungsvoller Anlaß liege dem geselligen Beisammensein zu Grunde. Herr Land-wirth Spohr, der die Leitung des Commerses übernommen, rief in einer herzlichen Ansprache im Namen des ‘Bürgervereins’ den Anwesenden ein ‘Willkommen’ zu und dankte den Mitgliedern sowie den Gästen für ihr Erscheinen. Die so zahlreiche Betheiligung sei erfreulich. Gelte es doch, heute Abschied von unserm alten, lieben Dorf Wehlheiden zu nehmen! Die rege Betheiligung zeige aber auch, daß die alte Einigkeit der ‘echten Wehlheider’ fortbestehe. Redner bittet, dieselbe auch auf die neuen Verhältnisse zu übertragen. Dann werde man auch in Cassel geachtet dastehen. Der altbewährten Einigkeit galt das freudig erklingende Hoch. – Nachdem einige von der Capelle Liese vorgeführte Musikstücke erklungen, erhob sich Herr Privatmann H. Dippel, um in kurzen, kernigen Worten das Hoch auf Se. Majestät den Kaiser auszubringen. Brausenden Widerhall fand das Hoch, und stehend sang die Festversammlung den 1. Vers Heil dir im Siegerkranz’. Die gesanglichen Darbietungen des Abends leitete der ‘Männer-Gesang-Verein’ mit dem stimmungsvollen Liede ‘Brüder, weihet Herz und Hand!’ sehr wirksam ein, dann folgte der Sängerchor des ‘Arbeiter-Fortbildungs-Vereins’, um eine nach dem Volksliede ‘Sah ein Knab’ ein Röslein steh’n’ verfaßte, und ‘Weh, daß wir scheiden müssen’ mit dem Refrain ‘Fahr wohl, fahr wohl, Wehlheiden schön!’ zu Gehör zu bringen und großen Beifall zu ernten.”

Vielfaches Hoch auf „Alt-Wehlheiden”

„Herr Eisenbahnsekretär Wieber ergriff hiernach das Wort zu einem Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung Wehlheidens (…). Als der Redner am Schlüsse seiner mit größter Aufmerksamkeit verfolgten Darlegungen, die oft von Heiterkeit und Beifall unterbrochen wurden, den besten Wünschen für die gedeihliche Fortentwicklung Wehlheidens als Vorstadt Kassels Ausdruck verlieh, erhob sich die Versammlung in freudiger Begeisterung, und das Hoch auf ‘Alt-Wehlheiden’ erklang in jubelndem Widerhall. Herr Oberstleutnant a. D. Koeppel dankte im Namen der Gäste für die freundliche Einladung und betonte, daß an diesem Wendepunkte der Geschichte Wehlheidens Freud’ und Leid der Vergangenheit noch einmal alle Herzen bewegt. Beides, Freud’ und Leid, sei ihm auch in seiner Thätigkeit als Standesbeamter nahe getreten. Mit Dank gedachte der Redner aller Derer, die für die Armen hiesiger Gemeinde stets Zeit und Mühe darangesetzt haben und bemüht gewesen sind, einen Freudenschimmer an den Stätten der Armuth zu verbreiten. Solcher Dank gebühre auch der Gemeinde selbst, die nach jeder Richtung alles tat, um das Leid der Armuth zu mildern. Sodann der Tätigkeit des ‘Bürgervereins’ und seines Vorstandes gedenkend, giebt Herr Oberstleutnant Koeppel dem Wunsche Ausdruck, daß der Verein seine Thätigkeit auch in den neuen Verhältnissen in ersprießlicher Weise fortführen werde. In das auf den Bürgerverein Wehlheiden ausgebrachte Hoch stimmte man lebhaft ein.”

Landkreis bedauert Wehlheiden zu verlieren

„Herr Wieber machte Mitteilung, daß Herr Bürgermeister Wittrock durch Kranksein leider am Erscheinen verhindert sei, dies mit Bedauern erklärt und gebeten habe, den anwesenden Gemeindeangehörigen es auszusprechen, daß er sich in Wehlheiden wohlgefühlt und daß er stets das Beste für die Gemeinde gewollt habe. Redner bestätigt dies, wenn seiner Ansicht nach auch manches anders hätte bewirkt werden können. Ferner teilte Herr Wieber mit, daß er sich in der heutigen Sitzung des Kreistags von diesem verabschiedet habe und dort beauftragt worden sei, zu betonen, wie sehr der Kreis bedauere, Wehlheiden zu verlieren und daß derselbe hiesiger Gemeinde stets ein gutes Andenken bewahren werde. Bezüglich des Bürgervereins Wehlheidens sei zu sagen, daß dieser stets nur das Beste erstrebt und daß es, was an dem Vorstande liege, auch weiterhin geschehen werde, um die Interessen Wehlheidens in Zukunft wirksam zu vertreten. (Beifall). – Herr Töpfermeister Winter brachte die Anerkennung für den Vorstand des Bürgervereins und die Thätigkeit des Herrn Wieber in Sonderheit durch ein auf Letzteren ausgebrachtes, freudigst aufgenommenes Hoch zum Ausdruck. In buntem, mannigfaltigen Wechsel folgten nun Ansprachen, Vorträge und unterhaltende Darbietungen. In Bezug auf letztere muß den Bravour-Leistungen der Musterriege der Turngemeinde gedacht werden, die für ihre Vorführungen am Reck rauschenden und wohlverdienten Beifall fand. Der Verein ‘Frohsinn’ erfreute durch den schönen Vortrag des Liedes ‘Daheim’, ihm folgte der Männer-Gesangverein und der Sängerchor des Arbeiter-Fortbildungsvereins mit trefflichen Liedergaben. Herr Apotheker Wolff brachte ein selbstverfaßtes, patriotisches Gedicht zum beifällig aufgenommenen Vortrag, und die Herren Schnitzerling und Umbach trugen durch humoristische Vorträge, die große Heiterkeit erweckten, der immer mehr Platz greifenden, fröhlichen Stimmung der Anwesenden Rechnung. Von sehr erheiternder Wirkung war auch ein gemeinsames Singelied, das in origineller, komischer Weise die Empfindungen und Gedanken anläßlich der Eingemeindung schilderte:

‘Lebe wohl nun Du Wehlheiden! Liebes Dorf und theures ‘Nest’, Da wir balde von Dir scheiden, Gilt Dir noch dies Abschiedsfest. Ach, wir können ‘s kaum verwinden, Nun nicht mehr im Dorf zu sein; Von der Karte zu verschwinden, Und daß Cassel uns sackt ein.'”

Die Dorfhymne wurde nicht zum letzten Mal gesungen

„Und wie Lied auf Lied erklang, so wurde noch manches Wort an die große, fröhliche Tafelrunde gerichtet. Es sprachen u. A. noch die Herren Kämmereiverwalter Kämmer, der den deutschen Frauen ein Hoch darbrachte, und Herr Kersting, der als Vorsitzender des ‘Arbeiter-Fortbildungs-Vereins’ redete und Sang und Lied in schwungvoller Weise pries. Unter den Liedern fehlte auch das altbekannte Schutz- und Trutzlied – die Wehlheidener Nationalhymne – nicht, die, wohl nicht zum letzten Male, dröhnend angestimmt wurde. So entschwanden die Stunden des Commerses gar schnell, und Mitternacht war längst vorüber, als die Reihen der Theilnehmer sich zu lichten begannen. Die Veranstaltung nahm einen durchaus zufriedenstellenden Verlauf und wird wohl im Gedächtnis Vieler noch erhalten bleiben, wenn Wehlheiden schon lange Zeit aufhört, ein Dorf zu sein.”