Der Bierkrieg

Den Wehlheidern sagt man nach, etwas eigenwillig zu sein. Wie sonst lässt sich der Wehlheider Bierkrieg erklären?

H eute steht auf dem Gelände an der Wilhelmshöher Allee 71-73 die sogenannte Ingenieur-Schule. Der Ort trägt den Namen noch immer, obwohl die ehemaligen Ingenieurschulen für Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen und Architektur 1971 Teil der neugegründeten Gesamthochschule Kassel (heute Uni) geworden sind.
Ein Besuch lohnt sich besonders am 1. Mai, wenn der DGB dort mit Kulturprogramm und Volksfest an seine Kundgebung anschließt. Eine durchaus traditionsbewußte Nutzung der Ingenieur-Schule. Denn dort befand sich früher die »Actienbrauerei« samt Aktienpark.

Die Weigerung der Brauerei, ihren Saal und Park den Arbeitervereinen zur Verfügung zu stellen, löste den Wehlheider Bierkrieg aus, und dieser Bierkrieg soll, so erzählt man sich, der Funke, der zur Gründung eines sozialdemokratischen Ortsvereins führte, gewesen sein.

Klagte das „Casseler Volksblatt“ einst über die Wehlheider Arbeiterschaft „die sitzen lieber im Gaststübl und kloppen Karten“, so war im Jahren 1899 die Gelegenheit gekommen, „die immer noch schlummernden Geister wachzurütteln“ und zu beweisen, daß auch die Wehlheider Arbeiterschaft „auf dem Damme ist“.

Das „Volksblatt“ rief zum Boykott der Actienbrauerei und aller Händler und Gastwirtschaften in Kassel und Umgebung auf, die Actienbier verkauften und aus-schenkten: „Kein Arbeiter darf in Wirtschaften verkehren, wo Actienbier verzapft wird“ und konnte bald jubilieren: „Wer trinkt denn heute noch Actienbier?“ Bald mußte die Brauerei zurückstecken und als Kompromiß die Faßhalle für die Arbeitervereine öffnen. Doch diese wollten alles. Der Boykott wurde fortgesetzt. 1901 schließlich musste die Brauerei mit der Herkulesbrauerei fusionieren.

von Norbert Sprafke

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