Burhenne und sein Lehrling

Wegen seiner knapp vierzig Gaststätten verpasste man Wehlheiden den Spitznamen Bierdorf. Und das brachte so manche kuriose Geschichte an den Tag

So hatte der Gastwirt Burhenne sein Lokal an der verkehrsreichen Ecke Wilhelmshöher Allee, Germaniastraße, Kirchweg. Bekannt für seine Bequemlichkeit, schaute er lieber dem Treiben auf den verkehrsreichen Straßen zu, als zu arbeiten. Deshalb stellte Burhenne auch einen Lehrling ein, damit er Zeit hatte, seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Fenstergucken, nachzugehen. Nun sollte der Lehrling die Arbeit machen. Und dabei ereignete sich folgende Geschichte:

“Herr Burhenne, was soll ich’n duhn?” lautete die häufige Frage.
“Wisch die Theke ab!”
“Herr Burhenne, de Theke is sauber, was soll ich’n jedz duhn?”
“Breng ‘n Müll nus!”
“Herr Burhenne, der Müll is weg, was soll ich’n jedz duhn?”
“Junge, kehr de Treppe!”
“Herr Burhenne, ich hon de Treppe gekehrt, was soll ich ‘n …”
“Junge, kannst de mich dann gar net emo n’ Augenblick in Frieden lassen?” schnaubte Burhenne wütend und strebte dabei, weil es draußen nichts Besonderes zu sehen gab, zum Sofa in der hinteren Gaststube.

“Häng doch von meinetwegen den nackichden Hinnern zum Fenster nus!”
Nach einer halben Stunde weckte der Lehrling den schnarchenden Chef.
“Herr Burhenne, ich honn’n Hinnern zum Fenster nusgehalen, un was soll ich jedz…”
“Hä – waaas? Junge?” fuhr Burhenne hoch. “Das meinst de doch wol net im Ernst?”
Aber er sah an der leuchtenden Einfalt des Übereifrigen, daß der getan hatte, was er berichtete.
“Um Gottes willen, Lausejunge …” stöhnte Burhenne und strich sich verlegen über die schweißfeuchte Glatze.
“Was sprechen dann de Liehde nur do derrzu…?”
“Oooch – nur so … guten Morgen Herr Burhenne!, Guten Morgen Herr Burhenne!, Guten Morgen Herr Bur …”

Die letzten Silben starben dem Jungen aber auf den Lippen; der alte Burhenne hatte nämlich seine sprichwörtliche Ruhe ausnahmsweise einmal verloren. Und dadurch wurde die ganze Geschichte dann überhaupt erst bekannt.

(aus. Kasseler Post vom 21.04.1967, erzählt von F. Nagel)

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