Nobelwohnungen und Sturmangriffe

Nobelwohnungen statt Fabrikschlote

Wichtig bleibt, daß derlei Produktionsstätten dazu beitrugen, das gesellschaftliche Umfeld umzuformen, es allmählich modernen Strukturen näherzubringen. Der Anteil der in der Industrie abhängig Beschäftigten erhöhte sich, was einen wichtigen Schritt auf dem Weg in die Industriegesellschaft darstellte. Obgleich viele Einwohner Wehlheidens im letzten Drittel des 19- Jahrhunderts ihr Auskommen in der sich entwickelnden Industrie fanden, wurde das Dorf im Gegensatz zu den im Norden und Osten der Stadt liegenden Ansiedlungen nie zu einem ausgesprochenen Industriestandort. Die genannten Betriebe stellen vielmehr Ausnahmen in dem von Fabrikschloten weitgehend verschonten Kasseler Westen dar. Soziale Verwerfungen eigener Art entstanden aber im Zuge der Erschließung der neuen Stadtteile im Westen, des „Hohenzollern-Viertels”, das weitgehend auf dem ehemaligen Ackerland der Wehlheider emporwuchs. Durch die immense Wertsteigerung des Baulandes gelang es manch einem in der Vergangenheit weniger wohlhabenden Landwirt, den Sprung zum Immobilienbesitzer und Privatier („Rentier”) zu machen, sich ein repräsentatives Wohnhaus nach städtischem Geschmack zu leisten und den Lebensstil wohlhabender Stadtbürger zu übernehmen. Hierin liegt ein deutlicher Unterschied gegenüber später eingemeindeten Kasseler Vororten wie Bettenhausen

oder Rothenditmold, deren Einwohner sehr bald mehrheitlich als Industriearbeiter tätig waren und deren Landreservoir zu großen Teilen für den Bau industrieller Anlagen genutzt wurde, während auf den früheren Äckern des Dorfes Wehlheiden ein nobles urbanes Wohnareal für privilegierte Bürger entstand.

Sturmangriff mit Hacken und Äxten

In der Nacht zum 7. März 1794 stürmte eine Schar Wehlheider, etwa zwanzig Mann, vorwiegend Bauern, über die Äcker in Richtung Schönfeld. Jeder hatte sich mit irgend etwas bewaffnet, mit einer Axt, einer Hacke, einer Schippe. Ziel war eine durchs Gelände gezogene Holzwand, die seit einiger Zeit auf die Wehlheider wie ein Dom im Auge wirkte. Es dauerte bloß Minuten, dann war diese Wand unter den Hieben der Männer zerstört. Es wird berichtet, daß während dieser Aktion in Wehlheiden die Glocken geläutet hätten. Es kann kein allzu gewaltiges Läuten gewesen sein. Wehlheiden war ja noch nach Kirchditmold hin eingepfarrt, und es gab nur eine kleine mittelalterliche Kapelle auf dem Grundstück des dann 1838 errichteten Gemeindehauses, der späteren katholischen Schule. Vor allem der Glockenklang dieser Kapelle wird wohl jenen „Feldzug” vor 200 Jahren begleitet haben. Das Unternehmen endete übrigens in einer feuchten Siegesfeier, deren Kosten der Bürgermeister höchstselbst trug.17

Dielenwand auf herrenlosem Gelände

Was war der Grund für dieses aggressive Vorgehen der Wehlheider gewesen? In Kassel tauchte 1789 der holländische Tabakfabrikant Hendrik Thorbecke auf. Er suchte am Stadtrand Gelände, um seine Fabrikation auszudehnen. Er fand es mit dem Schloß Schönfeld und seinen Ländereien. Das ganze Areal lag damals ohne Nutzung da, Thorbecke pachtete alles von der landgräflichen Kammerkasse. Um seinen Tabak zu mahlen, errichtete er am Rand des Geländes eine Windmühle. Auf einem Geländestreifen, den er als Grenze seines Grundstückes empfand, ließ er eine lange Dielenwand ziehen. Über diesen Streifen Land kam es zum Streit. Die Wehlheider bestritten, daß er zu Thorbeckes Besitz gehörte und protestierten heftig. Dieser verwies sie auf den Rechtsweg. Das brachte die Wehlheider erst recht auf die Palme, und sie starteten ihren oben beschriebenen Angriff auf die Holzwand. Den Wehlheidern geschah nichts. Thorbecke baute die Holzwand nicht wieder auf. Erst ein Jahr später urteilte ein Gericht, der umstrittene Geländestreifen sei herrenlos. Thorbecke behielt den Streifen und zahlte den Wehlheidern eine Entschädigung.