Dampfmaschinen: Industrie in Wehlheiden

Jetzt eröffneten sich durch die allmählich einsetzende Industrialisierung neue Perspektiven zum Erwerb des Lebensunterhalts. Ein Beispiel für einen zwar traditionsreichen Betrieb, der sich aber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts modernen Fabrikationsverfahren anpaßte, ist die Tabakfabrik F. H. Thorbecke. Schon vor 1800 hatte es eine Episode mit Bezug zu Wehlheiden gegeben, als Hendrik Thorbecke das Anwesen Schönfeld pachtete vwtd dort eine Windmühle errichtete, um Tabak zu verarbeiten.

1875 verlegte das Unternehmen seine Produktionsstätte in die „alte Meierei” nach Wehlheiden in die Kantstraße 1711. Drei Jahre nach dem Umzug findet sich folgender Bericht:

„Die Fabrik, welche erst vor wenigen Jahren ihr neues, durchweg mit den geeignetsten maschinellen Einrichtungen versehenes Etablissement in Wehlheiden bezog, und in welchem der Dampfbetrieb zu allen Manipulationen herangezogen ist, dürfte bei dem wichtigen Standpunkt, den die Tabakfrage nun einmal im deutschen Reiche angenommen hat, die willkommene Gelegenheit bieten, sich über die Bedeutung und Leistungsfähigkeit einer Tabakfabrik durch eigene Anschauung ein Urtheil bilden zu können.”

Die Produktion von Tabak und Zigarren war in Kassel kein ganz unbedeutender Produktionszweig. Immerhin existierten im Jahre 1903 neben der Firma F. H. Thorbecke noch acht weitere Tabak- und Cigarrenfabriken in der Stadt.

Dieser Bericht über die Tabakfabrik findet sich in der Begleitpublikation zum 51. „Treffen deutscher Naturforscher und Ärzte”, das 1878 in der „Faßhalle” der „Hessischen Actien-Bier-brauerei” stattfand, die sich im Dreieck zwischen Schönfelder Straße und Wilhelmshöher Allee angesiedelt hatte. Damit wären wir bei einem weiteren Unternehmen auf Wehlheider Gebiet, das einen ausgesprochen traditionellen Produktionszweig, in diesem Fall das Brauen von Bier, mittels der Techniken des Industriezeitalters modernisierte. Was zuvor von zahlreichen kleinen Gastwirten bewerkstelligt wurde, konnte jetzt fabrikmäßig unter Einsatz von Lohnarbeitern durchgeführt werden. Diese Entwicklung trug dazu bei, daß sich die Anzahl der Gastwirtschaften allmählich verringerte, da sie nunmehr für die Herstellung ihrer Getränke nicht mehr selbst zu sorgen brauchten.

Neben den beiden genannten Betrieben ist noch ein weiteres Unternehmen auf Wehlheider Gebiet zu nennen: die 1884 gegründete Farbenfabrik Wilhelm Urban & Co., deren damalige Adresse: „Auf dem Graß 163″ lautete und die sich etwa im Bereich der heutigen Danziger Straße / Stallupöner Straße befand. Sie stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Erdfarben her: Ocker, Umbra, Siena-Erden, rote Erdfarben, sowie das „Casseler Braun”. Außerdem zählten zur Produktpalette noch unterschiedliche Lackfarben. „Casseler Braun ist eine durch natürliche chemische Vorgänge im Laufe der Zeit modifizierte Braunkohle (Humussäure) und findet sich zwischen den Braunkohlen-Vorkommen, gewöhnlich in Nestern, in Frielendorf, bei H.-Münden (Garrenberg) und in beschränktem Masse auch im Sollinger Wald. Das Vorkommen von Casseler Braun in der Nähe Cassels hat das Aufkommen des Betriebszweiges in Cassel begünstigt.”