Abhängigkeiten und mehr…

Von Bauern und Industriearbeitern

Uber die Entwicklung einer Residenzstadt wie Kassel gibt es im 18. Jahrhundert sehr viel Interessantes zu berichten. Die Geschichtsbücher wissen von großer Politik, Kriegen, repräsentativen Bauprojekten, vornehmen Schlössern und eleganten Parkanlagen zu erzählen. Wie sahen aber die konkreten Lebensumstände eines
Dorfbewohners in unmittelbarer Nähe der Stadt um die Mitte des 18. Jahrhunderts aus? Wenn auch oft nicht auf Anhieb erschließbar, überliefern uns die historischen Quellen auch zu diesen Aspekten der Geschichte zahlreiche Informationen. Eine Katastervorbeschreibung aus dem Jahre 1747, die Auskunft über den Umfang der von Wehlheiden aufzubringenden Steuer-, Abgaben- und Dienstleistungen geben sollte, enthält eine Fülle von Einzelheiten:5

Wehlheiden 1747

In den 84 Häusern des Dorfes lebten zu dieser Zeit 400 Einwohner, davon „87 Männer, 108 Weiber, 88 Söhne, 99 Töchter, 6 Knechte” und „12 Mägde”. Der größte Teil von ihnen betrieb ein Handwerk, in der Regel ergänzt durch eine kleine zusätzliche Landwirtschaft. An Berufen wurden aufgeführt: „1 zünftiger Schmied, 3 Wirte, 3 Branntweinbrenner, 1 Maurer, 3 Steinsetzer, 1 Steinmetz, 1 Weißbinder, 1 Zimmermann, 4 Kalkbrenner, 7 Schneider, 2 Leineweber.” Als Angehörige der dörflichen Unterschicht ausgewiesen sind „31 Tagelöhner und Bleicher” sowie drei Frauen, die sich mit „Waschen, Tagelohnen und Spinnen nähren”. Das lebende Inventar der Gemeinde bestand aus 70 Pferden, 17 Ochsen, 67 Kühen und 367 Schafen. Bemerkenswert ist, daß es nur 29 Haushalte gab, deren hauptsächliche Erwerbsgrundlage die Landwirtschaft darstellte. Viele Bauern seien gezwungen gewesen, noch einem Nebenerwerb nachzugehen. „Ihre mehreste Nahrung neben dem Feldbau”, so heißt es in dem Dokument, hätten die Wehlheider „von dem Steinkohlenfah-ren aus vorgemeldetem Herrschaftl. Habichtswalde” verdient. Schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts also war es den Bewohnern des Dorfes Wehlheiden nicht mehr möglich, ihre Existenz ausschließlich auf Landwirtschaft und dörfliches Handwerk zu gründen. Ergänzende Lohntätigkeiten waren notwendig, um in dem insgesamt nicht gerade wohlhabenden Dorf zu überleben. Dabei kam den Bewohnern die Nähe der
Residenzstadt zugute, wo Produkte der Landwirtschaft wie Gemüse, Feldfrüchte oder Milch an die Stadtbewohner abgesetzt werden konnten. Auch die staatlichen Wirtschaftsaktivitäten wie etwa der Bergbau stellten eine weitere Erwerbsquelle dar. Viele Wehlheider fanden bei den wohlhabenden Bürgern der Stadt ein Dienstverhältnis als Knecht, Dienstbote oder Gehilfe. Nicht von ungefähr kommt daher die pauschale Beurteilung, wie sie in einer Publikation des Kasseler Historikers F.C.Th. Piderit 1837 zu lesen ist. Die Wehlheider Einwohner, so schrieb er, seien „später meistens arme Dienstleute und Fröh-ner kasselscher Bürger” gewesen und hätten in dem Rufe gestanden, „von eingeschränkten Verstandeskräften zu seyn.”

Was aus der Katastervorbeschreibung von 1747 vor allem deutlich hervorgeht, ist die erdrückende Last von Abgaben und Dienstleistungen, unter denen die Dorfbewohner im 18. Jahrhundert zu leiden hatten. Am geringsten wogen dabei noch die in Geld, z.T. auch in Naturalien zu zahlenden Abgaben. Neben der „Kontribution” waren dies „ordinäre Steuern”, Zinsen und schließlich der „Zehnte”. Was aber ein beträchtliches Ausmaß angenommen hatte und die Einwohner bei ihrer Erwerbstätigkeit schwer belastete, waren die vielfältigen Dienstpflichten auf den herrschaftlichen Ländereien, den Wäldern und Parks. Neben Hilfstätigkeiten auf den Gütern („Ackerdienste”) mußten diejenigen Bauern,

die ein Fuhrwerk besaßen, Transporte durchführen („fahrende Erntedienste”). Außerdem wurden unterstützende Arbeiten bei der Hege des herrschaftlichen Wildbrets im Habichtswald gefordert sowie unterschiedlichste Holzfuhren. Zu den „Ackerdiensten” zählte beispielsweise, daß jeder Besitzer einer Hufe Land (rund 7 Hektar) jährlich einen Acker Domänenland düngen, viermal beackern und mit Sommer- und Winterfrucht besäen mußte. Darüber hinaus waren noch zahlreiche andere Dienste dieser Art für unterschiedlichste staatliche Einrichtungen zu leisten. Sehr detailliert beschrieb August Woringer diese zahlreichen Belastungen.7 An „ungemessenen Fuhrdiensten” zählte er unter anderem das Einfahren des Heus von den Wiesen der Domäne und von der
Schmiede und Wagner waren die wichtigsten Handwerker auf dem Land. Dieses Anwesen stand an der Ecke Kohlenstraße / Schönfelder Straße. Aufnahme von 1903

herrschaftlichen Fohlenhude zum Vorwerk Weißenstein (der späteren Domäne Wilhelmshöhe) auf. Weiterhin berichtet er:

„Im Fasanengarten auf dem Graß, ungefähr dort, wo sich heute die Strafanstalt befindet, war jährlich zu pflügen, zu säen und zu eggen, auch ein Fuder Dünger zu fahren. Bei großen Jagden im Habichtswald mußte der Vorspann für die Wagen der Jagdteilnehmer gestellt, auch die Jagdtücher zum Einkreisen des Wildes aus dem Jagdzeughaus in der Waldau an- und dahin wieder abgefahren werden, auch mußte das erlegte Wildbret sowohl bei den großen Jagden, als auch wenn es einzeln geschossen wurde, aus dem Walde geholt und nach Kassel gefahren werden. Lagen Soldaten über Nacht im Dorfe im Quartier, so mußten die Pferdebesitzer das Gepäck beim Weitermarsch fahren. Auch mußte die Gemeinde die zur Unterhaltung der nach Zwehren und Dörnberg führenden Landstraßen, soweit ihr Gebiet reichte, nötigen Fuhren tun, wozu, als 1745 die Zwehrener Straße neu gepflastert wurde, allein über 100 Fuhren nötig waren. Auch sämtliche Feldwege in der Gemeinde und die Kohlenstraße nach dem Habichts-walder Bergwerk waren in Bau und Besserung zu erhalten.”8 Neben diesen Fuhrdiensten hatte die ganze Gemeinde „Handdienste” unterschiedlichster Art zu leisten: „Gemeinsam mit anderen Gemeinden die Baumschulen im Habichtswald in Ordnung zu halten; bei der hohen Jagd und der Schnepfenjagd Jagddienste zu tun, soweit die Jagden im Habichtswald stattfanden; Jagddienste bei Hasenjagden mußte die Gemeinde überall tun, wo die Herrschaft es verlangte; für die Hofküche in der Gemeindeflur die Lerchen zu fangen, wofür jede beteiligte Person 4 Heller bekam; bei allen Jagden die Hunde zu führen und bei den großen Jagden die aus der Waldau geholten Jagdtücher aufzuhängen. Die 7 Schneider waren aber von allen Jagddiensten frei; dafür mußten sie die Jagdtücher ausbessern, wenn diese beschädigt wurden. Ferner waren die Gräben auf den herrschaftlichen Wiesen in Stand zu halten, der Schlamm aus den Teichen zu fahren, bei Bauten im Schloßgarten oder an der Mühle zu helfen, das Schloß Weißenstein innen zu reinigen, die Fenster im Schloß zu putzen, der Schloßplatz zu kehren und das Holz für die Heizung des Schlosses klein zu machen, das ganze Jahr hindurch die amtlichen Briefe zu tragen, bei Kriegsfuhren Botengänge zu tun, die herrschaftlichen Teiche zu Weißenstein auszufischen und für den Hofmann auf dem Weißensteiner Vorwerk zusammen mit den übrigen Gemeinden des Kirchspiels Kirchditmold 4 Metzen (1 Metze = 418 qm) Flachs zu rupfen und reinzumachen.”9

Rückgang der Landwirtschaft

Bei einer solchen Fülle von Dienstpflichten nimmt es nicht wunder, wenn die Leistungsfähigkeit der klein-und mittelbäuerlichen Höfe alsbald an Grenzen stieß. Wenn in einer Landesbeschreibung aus dem Jahre 1796 geklagt wird, daß es den meisten Wehlheider Bauern an Fleiß und Sorgfalt bei der Pflege und Bestellung ihrer Felde fehle, so liegt die Erklärung dafür auf der Hand10. Zu all diesen Belastungen kam noch, daß ein großer Teil der Bauern gezwungen war, neben der Landwirtschaft verschiedene Nebenerwerbe wie die bereits erwähnte Transporttätigkeit für die Kohlebergwerke zu betreiben. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden die alten Zahlungen und Dienstpflichten nach und nach in die Form pekuniärer Leistungen, in die Form von Geldleistungen im Sinne einer Steuerzahlung überführt. Aber nicht nur die Strukturen und das Erscheinungsbild der alten Abhängigkeiten wandelten sich, auch die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung und die Basis ihres Lebensunterhalts veränderten sich von Grund auf. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte der Anteil von Handwerkern und Lohnarbeitern im Dorf deutlich zugenommen. 1810 bildeten bereits die
Tagelöhner die größte Berufsgruppe in Wehlheiden, wobei diejenigen einen besonders hohen Anteil stellten, die im Bauhandwerk tätig waren. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dann die Landwirtschaft immer stärker an den Rand gedrängt.